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Wozu brauchen wir Mikrofinanz in Deutschland?

Falk Zientz (*1966) ist einer der Wegbereiter der Mikrofinanz in Deutschland. Nach einer Banklehre und dem Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin war er von 1994 bis 2000 als Kreditbetreuer bei der GLS Bank in Bochum tätig. Es folgte der Aufbau des ersten Mikrokreditfonds in Deutschland sowie die Entwicklung weiterer Projekte im sozialen und kulturellen Bereich. Von 2004 bis 2006 war er Gründungsvorstand des Deutschen Mikrofinanz Institutes DMI. Heute ist Zientz Leiter der Abteilung Mikrofinanz der GLS Bank in Bochum.

Interview: Christoph Mohr


Sie sind jüngst vom Rat für Nachhaltige Entwicklung mit einem Sonderpreis "Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit" geehrt worden. Finden Sie sich in der Beschreibung wieder?

Unbedingt. Der Aufbau eines Mikrofinanzsektors in Deutschland erfordert Unternehmertum in seiner besten Ausprägung, wobei der Profit in erster Linie ein sozialer ist. Und "Nachhaltigkeit" ist gerade auch im Zusammenhang mit Mikrofinanz ein wesentlicher Wert, denn kurzfristiges Gewinnstreben geht im Kreditgeschäft im besonderen Maße zu Lasten der Kunden, also der Kreditnehmer.

Wie wichtig ist der Preis für Sie?

In der Kooperation mit den mittlerweile über 40 Mikrofinanzinstituten und weiteren Netzwerkpartnern hatte der Preis einen guten Effekt. Unsere Arbeit wurde spürbar aufgewertet. Auch innerhalb der GLS Bank – meinem Arbeitgeber – kam die Botschaft sehr gut an: Es ist großartig in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem Mitarbeiter soziale Unternehmer sein können.

Sie gelten als einer der Wegbereiter der Mikrofinanz in Deutschland. Eine richtige Beschreibung?

Eine solche Sektorentwicklung dauert viele Jahre. Vor 11 Jahren habe ich damit angefangen. Immer wieder gab es "first mover", die eine Weiterentwicklung ermöglichten: Unternehmer, die erste Mikrofinanzinstitute aufbauten; private Investoren, die geduldiges Kapital zur Verfügung stellten; öffentliche Stellen, die Projekte förderten. Dafür war ich regelmäßig Wegbereiter. Wobei ich in vieler Hinsicht einem Ingenieur gleiche, der über lange Jahre aus verschiedensten Komponenten ein Konstrukt aufbaut, in der Hoffnung, dass es irgend wann einmal fliegt…

Microfinance kennt man aus den Entwicklungsländern in Afrika und Asien; Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank in Bangladesh, ist dafür mit Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Zuletzt war viel Kritisches über Microfinance zu lesen. Berechtigte Kritik?

Die Kritik ist so berechtigt, wie die Euphorie nach der Verleihung des Nobelpreises unberechtigt war. Gerade im Kreditgeschäft kommt es sehr auf die Haltung gegenüber dem Kunden an. Wenn es in erster Linie um Profit geht, dann sehe ich keinen Unterschied zu Kredithaien aller Art. Das Label "Mikrofinanz" hat zu lange davon abgehalten, genau genug hinzuschauen.

Warum brauchen wir Mikrofinanz, also Kleinstkredite, in Deutschland? Hier gibt es doch genug Banken und Sparkassen, Existenzgründerprogramme und sonstige Hilfen.

Wir beziehen uns auf die Kreditgenossenschaften und Sparkassen, wie sie bis vor 100 Jahren hier gegründet wurden. Da gibt es viele Parallelen. Aufgrund der starken Bankenregulierungen kostet aber mittlerweile die Bearbeitung eines Firmenkredites eine Bank mehrere tausend Euro. Wenn ein Unternehmen nur wenige tausend Euro benötigt, wären auch 100 % Zinsen nicht kostendeckend. Darum wird eine Vielzahl von Kleinstunternehmen nicht bedient, wobei Mikrofinanzinstitute mit ihren speziellen Methoden dazu doch in der Lage sind. Vor 10 Jahren war das eher noch eine akademische Diskussion. Unsere weit über Plan liegenden Kreditvergaben und die geringen Ausfälle zeigen das mittlerweile in der Praxis.

Wer nimmt überhaupt Mikrofinanz-Angebote in Deutschland in Anspruch?

Kleine Läden, Gastronomie, kleine Dienstleister, Kreativwirtschaft, Handwerker – das sind die wesentlichen Branchen. Eine besondere Affinität zu Mikrokrediten haben Migranten und Frauen. Auf der Basis von Migrantencommunities können oft schnell und einfach Mikrokredite vergeben werden. Da besteht bereits das soziale Kapital, auf das Mikrofinanzinstitute aufbauen können.

Sie leiten heute die Abteilung Mikrofinanz der GLS Bank in Bochum. Wer ist die GLS Bank?

Die GLS Bank ist die erste sozial-ökologische Universalbank der Welt. Das Kapital der Genossenschaftsbank stellen etwa 18.000 Mitglieder zur Verfügung. Mit über 90.000 Kundinnen und Kunden beträgt das Bilanzvolumen der GLS Gruppe derzeit über 2,4 Mrd. Euro, wobei das Bilanzwachstum in den letzten Jahren stets über 30 % gelegen hat.

Was genau macht Ihre Bank im Bereich Mikrofinanz?

Die GLS Bank hat zwei Rollen: Sie verwaltet die Mikrokredite als Mengengeschäft entsprechend den elektronischen Empfehlungen der derzeit 40 Mikrofinanzinstitute. Parallel dazu sorgt sie für einen Aufbau von Mikrofinanzinstituten und somit eines Mikrofinanzsektors in Deutschland.

Ist das für Ihre Bank ein gutes Geschäft?

Im Sinne unsere Anleger, die neben einer üblichen Rendite erwarten, dass mit ihren Einlagen sinnvolles gemacht wird, sind unsere Mikrokredite sicherlich ein "gutes Geschäft". Größere Deckungsbeiträge für die Bank sind aber erst realistisch, wenn wir dauerhaft mehrere tausend oder sogar -zigtausend Kredite pro Jahr vergeben werden.

Sie waren zuvor von 2004 bis 2006 auch Gründungsvorstand des Deutschen Mikrofinanz Institutes DMI. Was ist aus dem DMI geworden?

Das DMI ist nach wie vor Dienstleister und Verband für Mikrofinanzinstitute und trägt dadurch ganz wesentlich zum laufenden Aufbau des Mikrofinanzsektors bei. Ich bin weiterhin im Aufsichtsrat des DMI tätig.

Sie gelten auch als einer der Männer hinter dem Mikrokreditfonds Deutschland, mit dem die Bundesregierung und der Europäische Sozialfonds Ausfallrisiken von Mikrokreditgebern absichern. Warum braucht es einen solchen Fonds?

Für den Aufbau eines Mikrofinanzsektors ist zunächst "geduldiges Kapital" notwendig. Das trifft auch auf Länder zu, in denen es mittlerweile recht profitable Mikrofinanzinstitute gibt. Die Abschirmung der Risiken ist dabei nur die eine Seite. Der Mikrokreditfonds Deutschland fördert gleichzeitig den Aufbau von Mikrofinanzinstituten. Die Förderung bemessen wir insbesondere an der erreichten Kreditvergabe und zahlen derzeit 800 Euro pro Kredit aus, wobei der Betrag nächstes Jahr auf 650 Euro und in den Folgejahren weiter reduziert wird, um von Förderungen möglichst unabhängig zu werden. Denn geförderte Angebote müssen immer klein bleiben.

Von dem Mikrokreditfonds Deutschland profitiert auch die GLS Bank. Ist es nicht ein bisschen merkwürdig, dass Sie sich da sozusagen die staatliche Absicherung Ihrer eigenen Bank geschaffen haben?

Durch die Absicherung kann die Bank die elektronischen Empfehlungen der Mikrofinanzinstitute ohne Prüfung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Kreditnehmer umsetzen. Nur so funktioniert eine schnelle und einfache Vergabe von Mikrokrediten. Zur Deckung der Verwaltungskosten erhält die GLS Bank eine kleine Marge. Das wesentliche Risiko der GLS Bank ist insofern das Kostenrisiko: Gelingt es, mit einem Netzwerk von über 50 neu aufgebauten Mikrofinanzinstituten unterschiedlichster Couleur kleinste Firmenkredite als standardisiertes Mengengeschäft zu vergeben? Die GLS Bank hat sich als einzige Bank in Deutschland auf diesen Unternehmen eingelassen und ist somit wieder einmal eine Vorreiterin.


Das Interview ist im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2010 entstanden. Der Preis wurde bereits zum dritten Mal verliehen und zeichnet Unternehmen aus, die wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden – und nachhaltiges Handeln zu weiterem Wachstum nutzen. Der Frankfurt School Verlag hat die Veranstaltung in 2010 als Medienpartner unterstützt. Auch in 2011 wird der Verlag bereits bekannte Konferenzen sowie neue Formate im Bereich des Kompetenzfeldes "Green Finance" realisieren.

© 2011 Frankfurt School Verlag


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